Kinder

Entspannter Umgang mit der Sprache

Ich selbst pflege keinen sehr entspannten Umgang mit der Sprache. Zumindest, sobald es sich um eine Fremdsprache handelt. Dies liegt vielleicht auch daran, wie ich Sprachen gelernt habe.  Und zwar nur in der Schule und ausschließlich im und für den Unterricht. Und zwar auch nur im jeweiligen Fach. Fremdsprachige Lektüre – Fehlanzeige, außer einmal in der 7. Klasse, wo wir Sherlock Holmes gelesen haben. In einer Ausführung speziell für die Schule mit jede Menge Übersetzung drin.

Französisch – auch rein nur für das Schulfach ohne fremdsprachigen Büchern oder Filmen.

Das war so meine Erfahrung. Zwar komme ich nun mit meinem „Schulenglisch“ ganz gut zurecht, doch lese ich nur sehr ungern englische Bücher oder schaue mir Filme auf Englisch an. Französisch schon gleich dreimal nicht.  Mir reicht das, was ich für meine Arbeit brauche. Wenn ich selbst englische Mails verfassen soll, dann gehen mir schon zu oft die Wörter aus (auch wenn ich sie eigentlich weiß) und freiwillig einen längeren Text in Englisch? Niemals!

Entspannter Umgang mit der Sprache

Ganz andere Ansätze verfolgt die Realschule des Großen. Hier wurden die Kinder von Anfang an ermutigt englische Lektüre zu lesen. Ganz extrem (gut extrem) wurde es dann nun in der 7. Klasse. Der Große besucht den bilingualen Erdkundeunterricht. Wobei ich bilingual eigentlich schon nicht mehr richtig finde. Der Unterricht findet in Englisch statt. Zwar dürfen die Kinder immer auf die deutsche Sprache ausweichen, wenn sie ein Wort mal nicht wissen und die Grammatik ist absolute Nebensache und das Englisch selbst wird nicht gewertet, doch die Unterrichtssprache ist Englisch. Hier finden auch Diskussionen und nachgestellte Konferenzen zum Thema „Schutz des Regenwaldes“ statt. Die Kinder argumentieren hier in Englisch und müssen ihre (vorgegebenen) Positionen in einer Diskussion auf Englisch vertreten.

Seit diesem Unterricht macht dem Großen plötzlich Erdkunde Spaß und zusätzlich hat er keine Hemmungen mehr, was das Englisch anbetrifft.

Aber auch der Englischunterricht läuft dieses Jahr super. Da der Große ja die Talentklasse besucht, in der nur noch sehr sehr wenige Kinder sind, ist das Tempo im Unterricht recht hoch und sie haben nun Zeit eine Schullektüre zu lesen. Da der Lehrer auf Klassiker steht – gibt es Frankenstein. In Orginalsprache.

Mein Kind empfindet das Buch als recht einfach. Fehlende Wörter müssen sie übrigens in Englisch-Englisch nachschlagen. Hierzu wurde ihnen auch eine Webseite genannt, bei der sie die Wörter nachschlagen können.  Klick hier.

Ergebnis bei lockeren Umgang mit der Sprache

Der Große hat sich bereits in der 5. Klasse den ersten Teil von Harry Potter auf englisch geschnappt. Und zwar direkt im Anschluss, nachdem er den deutschen Teil beendet hatte. Da diese Bücher doch recht ähnlich in Deutsch und Englisch waren – stellte dieses Buch kein Problem dar.

In der 6. Klasse war es dann der 3. Teil, der sein Lieblingsteil von Harry Potter war. Dann wollte er den ersten Teil von Bartimäus, den er nur als Hörbuch kannte. Danach hat er sich einen Teil von WarriorCats auf englisch besorgt und so weiter. Wenn wir im Buchhandel sind, dann sucht er immer gleich den fremdsprachigen Bereich auf und würde dort am liebsten das halbe Regal leer kaufen. Der deutsche Bereich wird oft gekonnt ignoriert.

Dieses Jahr hat er im ersten Jahr Französisch. Zu Weihnachten hat er sich auch bereits einen französischen Comic gewünscht und bekommen und gleich gelesen.

Ich behaupte jetzt mal, dass mein Kind kein Sprachgenie ist und auch nicht überdurchschnittlich Sprachbegabt. Doch durch die Ermutigungen und den lockeren Umgang mit der Sprache in der Schule, bei der die Kids auch mal einen französischen Film anschauen, hat er keine Hemmungen sich mit der Sprache auseinander zu setzen. Wenn er mal ein Wort nicht weiß – kein Problem, der Zusammenhang ist ja da.

Ich finde es Super , aber auch verrückt zugleich. Denn ich habe diesen Zugang zur Sprache niemals gefunden.

8 Kommentare

  • Iris

    Hah, ein Artikel wie geschaffen für mich!

    Herzlichen Glückwunsch, dass dein Großer so tolle schulische Möglichkeiten hat. Das ist in der Tat im Sprachunterricht auch heute noch nicht der Regelfall. Ich finde es prima, dass die Schüler ermutigt werden, mit sich selbst und der Sprache großzügig zu sein. Das geht natürlich nicht dann, wenn es wirklich um das Erlernen und Üben genauer Strukturen geht oder um das Schreiben. Beim Lesen und freien Sprechen sollte es aber erstmal auf das Grobverständnis und die Situationsangemessenheit ankommen. Mit gutem Willen versteht man viel. Ich erlebe es leider auch bei älteren Schülern immer wieder, dass sie sich über den Schwierigkeitsgrad von Lektüren aufregen, nur weil sie nicht jedes Wort im Detail verstehen und dann wie das Kaninchen vor der Schlange vor einem Einzelwort hocken und sich nicht auf den Gesamtzusammenhang verlassen, der doch beim passiven Sprachgebrauch (Hören, Lesen) meist völlig ausreicht. Da sind viele Schüler sehr intolerant mit sich selbst.

    Haarig wird es für mich immer dann, wenn dieses lockere Prinzip auf die Muttersprache übertragen wird und man dann nach dem Übergang in die Oberschule (bei uns also in der Regel nach der 6. Klasse) als Deutschlehrer gesagt bekommt, dass man die verqueren Schreibweisen und Sätze ja nur laut zu lesen braucht und guten Willen zeigen muss, um zu verstehen, was da gemeint wurde. Das geht mir dann doch zu weit, kommt aber immer wieder vor. Beim Sprechen ist das anders, beim Schreiben geht es aber gar nicht.

    • Mella

      Weil man das geschriebene laut vorlesen soll und guten Willen zeigen soll – als Deutschlehrer???? Um nicht laut vor der Klasse loszulachen oder was? *Kopfschüttel*
      Ich finde es im bilingualen Unterricht in Erdkunde schon gut, dass es lockerer ist. Doch im Fachunterricht sollte schon auf korrekte Sprache geachtet werden – das gilt auch für den Deutschunterricht.
      Wichtig wäre halt, dass die Kinder lesen. Der Große hatte zuletzt Felidae aus meinem Regal stibitzt. Diese Nebensätze….. Gut dass sie das Thema eh auch gerade in Deutsch hatten. Das war ein reines Anschauungsbuch (dass es nebenbei spannend war… positiver Nebeneffekt).

  • Sabienes

    Früher habe ich mich immer gewundert, wenn ich im Urlaub auf Belgier, Schweden, Portugiesen usw. traf und die wahnsinnig gut Englisch konnten. Bis ich von denen erzählt bekam, dass sie sich fast alle ausländischen Filme auf Englisch mit Untertiteln anschauen mussten, weil wenig Hollywood-Produktionen in Finnisch oder Ungarisch synchronisiert werden. Irgendwie ist das ein ziemlich lockerer – wenn auch zwangsweiser- Kontakt mit einer fremden Sprache. Und die erste Fremdsprache ist ja immer die schwerste.

    Ich bin davon überzeugt, dass heutzutage die Kinder viel schneller Fremdsprachen lernen können, als noch zu deiner oder gar MEINER Zeit. Sei es durch Auslandsaufenthalte im Urlaub, durch Songtexte, Filme oder Internet: die Welt ist auch sprachlich klein geworden.

    LG
    Sabienes

    • Mella

      Im Ausland sieht man das oft ganz anders, vor allem z.B. in der Schweiz.
      Aber ich glaube nicht, dass die Kinder heute entspannter lernen. Vielleicht nur ein ganz klein wenig – aber ne- eigentlich nicht. Gerade am Computer stellt sich der Große oft so an, dass ich mich allen ernstes Frage, was das englische Buch daneben soll.
      Und ich glaube zwischen Deiner und Meiner Zeit dürfte es wohl keinen großen Unterschied geben.

  • Mendigo

    …aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben – auch im „Alter“ kann sich einem eine Fremdsprache -will mal sagen erschließen – ich habe die Englische Sprache für mich entdeckt .ok nicht im Sprechen, da bin ich doch schüchtern – bin eh kein großer Redner in Gruppen und dann noch in einer Sprache die nicht meine Muttersprache ist – nein danke – aber gerade in Filmen, Serien und Büchern komme ich gut mit ihr klar – wie Ihr alle schon erwähnt habt: nicht jedes Wort aber der große Zusammenhang sprich die Geschichte und ich kann sogar schon über die Witze lachen weil ich sie wirklich verstehe – da habe ich mich neulich mit jemanden im Fasching unterhalten, dass gerade „Witze“ in anderen Sprachen fast mit am schwersten sind (von Fachtexten mal abgesehen)

  • Sabienes

    Mella, es ist halt auch nicht jeder Mensch gleich! Bei meinen Kindern ging es relativ einfach – warum auch immer. In Mathe waren sie nicht so entspannt am lernen 😉
    Aber in meiner Kindheit gab es erstens kaum Erwachsene, die Fremdsprachenkenntnisse hatten und auch kaum fremdsprachige Wörter – außer vielleicht mal lateinische Fremdwörter.
    Irgendwann meinte mein Ältester so mit 6 oder 7, dass er auch mal gerne ein paar englische Wörter lernen möchte und ich sagte: „Das kannst du doch: T-Shirt, Sweat-Shirt, Jeans usw.. “ Und habe ihm erklärt, was sie bedeuten. Ein paar Jahre später hatte mein Jüngster in 2. Klasse bereits freiwilligen Englischunterricht in der Schule. 2 Jahre später konnte er fehlerfrei für mich ein Mineralwasser ohne Gas bestellen.
    Ich hätte das in dem Alter nicht gekonnt, ich hätte viel zu viel Angst gehabt, was falsch zu machen.

    Ansonsten glaube ich fest daran, dass jeder irgendwas Besonderes gut kann. Nur haben die Kinder oft nicht mehr die Zeit, dass (in der Schule) rauszufinden.
    LG
    Sabienes

    • Mella

      Hi Sabienes,
      ich weiß, dass nicht jeder Mensch gleich ist. Doch ich glaube, je entspannter man mit der Sprache umgeht, desto leichter lernt man sie. Ich habe immer nur für den Lehrer gelernt – den Sinn für mich habe ich nie entdeckt – bis es fast zu spät war.
      Ich weiß auch, dass meine Kinder, speziell der Große eine Ausnahme ist. Ich kenne keinen weiteren Menschen, der in Mathe und Physik genauso seine guten Noten hat, wie in Französisch und Englisch und genauso in Wirtschaft und und und. Das ist mir schon alles bewußt, doch sehe ich auch gerade an diesem Kind, dass in der Grundschule eher ein verklemmter Umgang in Englisch geherrscht hat und er erst jetzt so richtig locker wird. Naja eingentlich seit dem Schweiztrip als er mit echten Menschen fremdgesprochen hat (als ob Lehrer keine echten Menschen wären….)

      Aber ansonsten gebe ich Dir absolut recht. Wir hatten in unserer Kindheit auch viel weniger Möglichkeiten, viel mehr Hemmungen und ja, klar jeder Mensch hat und kann etwas Besonderes!!!! Und ja leider dürfen die Kinder das in der Schule nicht immer zeigen. Aber das ist ein anderes Thema….

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