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Geht es uns zu gut?

Hier in Bayern ist die Arbeitslosigkeit verhältnismäßig gering. Doch erfahre ich in letzter Zeit immer mehr über „arbeitsunwillige“ Mitbürger.

So kann unser Gassigänger – ein älterer Herr aus der Nachbarschaft – nicht mehr mit Lucky gehen, da er nun wieder Vollzeit arbeiten müsse. Er ist seit 3 Jahren im Ruhestand!!!

Warum muss er denn nicht mehr nur aushelfen, sondern in seinem Ruhestand denn wieder arbeiten gehen??? Ganz einfach, er hat Verantwortungsbewusstsein. In seiner beruflichen Laufbahn hat er eine Sozialstation vom Roten Kreuz mit angegliederter häuslicher Krankenpflege aufgebaut. Seit er in den Ruhestand getreten ist, waren bereits 3 Nachfolger für die Leitung eingestellt. Die letzte hat bisher einigermaßen durchgehalten, doch zeigt sie auch schon Krankheitserscheinungen. Hinzu kommt, dass nun auch immer mehr Schwestern aufgrund Schwangerschaften oder Krankheiten aufhören.

So muss nun ein gut 65-jähriger mit gesundheitlichen Problemen aushelfen. Warum aber? Gibt es keine Leute?

Anscheinend nicht. So kommen Bewerber und der zweite Satz ist:

Sie wissen schon, dass ich Probleme mit dem Rücken habe und nur Patienten betreuen kann, die mobil sind?

Gerade die Patienten sind doch nicht auf eine häusliche Pflege angewiesen!

Der ältere Herr meinte, es läge vielleicht am Geld. Nun ja, das Gehalt klang wirklich nicht gerade üppig, aber doch erheblich mehr als angeblich HartzIV-Empfänger erhalten.

Vielleicht ist die Arbeit zu schwer und es ist nicht jederfraus Sache und die Einstellungsvorraussetzungen zu hoch???

Doch habe ich heute die gleichen Informationen von einer Inhaberin eines Blumenladens erhalten.

Die Hälfte der Bewerber vom Arbeitsamt ist gleich gar nicht erschienen, die andere Hälfte hatte offensichtlich keine Lust. Da kamen folgende Aussagen:

In 14 Tagen bin ich krank, da ich bestimmt mit dem Rücken Probleme bekommen werde

Sie zahlen ja zuwenig. Ich arbeite im Winter immer in Ischgl, da verdiene ich viel mehr Geld und im April komme ich dann wieder zurück und beziehe Arbeitslosengeld. Mit dem Geld aus Ischgl habe ich dann ja viel mehr.

Ich konnte gar nicht glauben, dass die Leute wirklich so unsozial sind und den Winter über in Österreich arbeiten, nichts in die Sozialkassen einzahlen und dann im Sommer hierher zurück kommen und die Hand aufhalten und Urlaub haben.

Jetzt kann man aber bei dem Blumenladen wirklich nicht von einer extrem anstrengenden Arbeit sprechen. Familienbetrieb, bei der die Inhaber und deren Tochter mitarbeiten, ländlich gelegen und mit angeschlossener Gärtnerei.

Ja ich glaube es geht uns wirklich zu gut. Hat man diese Aussagen früher nur aus den Bereichen wie Gastronomie oder Fleischverkauf gehört, sind nun auch andere Betriebe betroffen.

Ich kann das gar nicht verstehen. Wenn ich einen Arbeitsplatz möchte, dann tue ich doch alles um diesen zu behalten. Auch hätte ich etwas dagegen, immer auf den Staat angewiesen zu sein, der sich auch noch einmischt in mein Privatleben.

Oder ist das Arbeitslosengeld wirklich zu hoch? So dass es sich nicht lohnt arbeiten zu gehen? Wenn ich den Politikern und den Informationen aus dem Fernsehen glauben darf – nicht. Sind die Quellen denn nicht zuverlässig?

Ist es nicht besser arbeiten zu gehen?

Sind die Ansprüche zu hoch?

Das ist wohl der Knackpunkt. Die Ansprüche. Nicht nur die Ansprüche der Arbeitgeber sondern auch die der Arbeitnehmer. Das von den Arbeitgebern teilweise unmögliches verlangt wird kann schon sein, doch glaube ich bei den oben genannten Beispielen nicht daran.

Ich glaube auch, dass die Ansprüche der Arbeitssuchenden oft zu hoch gesetzt sind.

Vor einigen Jahren, lange vor der Wirtschaftskrise haben wir einen ehemaligen Arbeitskollegen meines Mannes getroffen. Alter ca. 46 Jahre, gelernter Koch, keine besonderen Ausbildungen, Vorkenntnisse oder Sterne etc. Nun arbeitslos. Da Köche sich oft untereinander kennen und oft freie Stellen wissen, haben wir uns über das Thema natürlich unterhalten.

Er wollte:

gehobene Anstellung, vorzugsweise mit normalen Arbeitszeiten, sprich ab 18.00 Uhr Feierabend und möglichst wenig Wochenenddienste

Gehaltsvorstellungen: ca. 4000 – 5000 € mindestens

Wir sind nur kopfschüttelnd weggegangen und es war für uns klar, dass er so keinen Arbeitsplatz finden wird. Er ist einerseits in einem Alter, in dem er nicht mehr so belastbar ist und Koch ist ein Knochenjob, die Arbeitszeiten findet man in Kantinen und Krankenhäusern und das Gehalt zahlt ihm so keiner, da er weder Sterne noch sonstige besonderen Leistungen erkochen bzw. bieten kann.

Ist das heute noch genauso?

Haben wir uns noch nicht umgewohnt?

Geht es uns noch zu gut?

4 Kommentare

  • Daniel

    Ich nenne das immer jammern auf hohem Niveau. Verglichen mit anderen Nationen geht es uns in der Tat sehr gut, nur erkennen das die wenigsten. Getreu dem Motto: man jammert immer so lange über das, was man hat, bis man es nicht mehr hat und bemerkt, dass es doch wesentlich mehr wert war, als man zugeben wollte.

  • Freundin A.

    es ist schwierig darüber zu diskutieren, denn wenn jemand wirklich ernsthaft und ehrlich darüber nachdenkt, wir kaum einer (sicher ein paar wird es immer geben, die ein Haar in der Suppe finden) dagegen reden können: uns geht es schon wieder so gut, dass es uns schlecht geht.
    Ich glaube, der Mensch an sich ist immer noch in der Steinzeit und da war es eben so: man muss auf der Hut vor allen möglichen Gefahren sein. Hinter jedem Busch/Fels/Baum usw. kann ein wildes Tier/befeindeter Stamm usw. sitzen und das bedrohen, was einem gehört.

    und heutzutage: die Nahrung ist gesichert (ja auch bei Hartz IV – man muss nur das Geld dazu ausgeben), Miete wird gezhalt (auch bei Hartz IV), Heizung und Strom (auch bei Hartz IV gezahlt)…was allerdings jeder sich selber leisten muss (Luxusartikel: Computer, Ipod, Breitbildfernseher, Urlaub – natürlich mit dem Flieger – ….) – dafür ist dann kein Geld mehr da und da kann man von Armut sprechen – ich denke eher an die geistige Armut.

    „Aber die armen Kinder, die dann aufgrund mangelnder technischer Erungenschaften ausgegrenzt werden?“ werden dann einige Fragen. Ich sage: Das hat nichts, aber auch gar nichts mit Luxus oder nicht Luxus oder arm oder nicht arm zu tun sonder mit fehlender Menschlichkeit und fehlendem Miteinander in unserer heutigen Zeit.

    Neulich habe ich Artikel in der SZ gelesen, in dem es um die Schüler und die Berufswünsche ging. Hauptanwort: „Nach der Schule? – ich werde Harzter!“ – und die haben es ernst gemeint.Was mich wirklich erschreckt hat!

    So alles liebe und viel Menschlichkeit – gute Vorsätze kann man nicht nur zum Jahreswechsel treffen

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